Schätzungsmethoden der Finanzverwaltung

Das Finanzamt greift auf diver­se Methoden zurück, um zu über­prü­fen, ob die Buchführung bzw. die Aufzeichnungen des Steuerpflichtigen den tat­säch­li­chen Verhältnissen ent­spre­chen, oder „geschönt“ sind. Nach der Rechtsprechung müs­sen die Schätzungsmethoden, die das Finanzamt im kon­kre­ten Fall anwen­det, die tat­säch­li­chen Verhältnisse des Steuerpflichtigen mög­lichst genau wie­der­spie­geln.

Im Folgenden zei­ge ich kurz eini­ge Schätzungsmethoden der Finanzverwaltung auf.

I. Nachkalkulation

Das Finanzamt bedient sich der Nachkalkulation, um nach­zu­wei­sen, dass in der Buchführung des Steuerpflichtigen nicht alle Betriebseinahmen erfasst wor­den sei­en und die Buchführung des­halb nicht rich­tig sein könn­ten. Führt die Nachkalkulation im Vergleich zur Buchführung des Steuerpflichtigen zu rele­van­ten Abweichungen bzw. nicht erfass­ten Fehlbeträgen, kann sie die Ordnungsmäßigkeit der Buchführung des Steuerpflichtigen im Sinne § 158 AO erschüt­tern.

Hierzu wer­tet die Finanzverwaltung die bekann­ten Daten des zu prü­fen­den Betriebes aus (Verkaufspreise, Kosten des Materials, Fertigungslöhne etc.), um den Rohgewinn bzw. den Reingewinn des Betriebes zu ermit­teln. Die Rechtsprechung geht davon aus, dass bereits ein errech­ne­ter Mehrumsatz von 3% im Rahmen einer Nachkalkulation die Ordnungsmäßigkeit einer for­mell rich­ti­gen Buchführung erschüt­tert und eine Hinzuschätzung recht­fer­tigt.

Die Nachkalkulation im Rahmen einer Betriebsprüfung ist auf­wen­dig und kann an zahl­rei­chen Mängeln bzw. Unzulänglichkeiten lei­den. Möglich sind etwa Fehler bei Pauschalierung, Nichtberücksichtigung betrieb­li­cher Eigenheiten, unzu­tref­fen­dem Wareneinsatz, feh­ler­haf­tem Aufschlagssatz etc. Eine Nachkalkulation soll­te des­halb vom Steuerpflichtigen bzw. von sei­nem steu­er­li­chen Berater genau­es­tens geprüft wer­den. Die Finanzverwaltung muss die Kalkulationsgrundlagen — auch elek­tro­ni­sche — offen­le­gen.

II. Vermögenszuwachsrechnung

Bei der Vermögenszuwachsrechnung ver­gleicht die Finanzverwaltung das Vermögen eines Steuerpflichtigen am Anfang und am Ende eines Prüfungsjahres bzw. Prüfungszeitraums, wobei auch und vor allem pri­va­te Aufwendungen des Steuerpflichtigen wäh­rend des bezeich­ne­ten Zeitraums berück­sich­tigt wer­den.

Im Rahmen der Vermögenszuwachsrechnung wer­den zu Vermögensmehrungen alle Ausgaben des Steuerpflichtigen hin­zu­ge­rech­net. Die sum­mier­ten Vermögensmehrungen und Ausgaben dür­fen nicht grö­ßer sein, als Einkünfte des Steuerpflichtigen zzgl. vor­han­de­nem Vermögen. Sind dabei die Vermögensmehrungen und Ausgaben grö­ßer als Einkünfte zzgl. Vermögen und lässt sich der Fehlbetrag nicht ermit­teln, kann die Finanzverwaltung nach­wei­sen, dass die Buchführung des Steuerpflichtigen unrich­tig ist.

III. Geldverkehrsrechnung

Im Gegensatz zur Vermögenszuwachsrechnung ver­gleicht die Finanzverwaltung bei der Geldverkehrsrechnung nicht den Vermögensbestand des Steuerpflichtigen am Anfang und am Ende eines Prüfungsjahres bzw. Prüfungszeitraums, son­dern des­sen Einnahmen und Ausgaben wäh­rend des bezeich­ne­ten Zeitraums. Möglich sind Vergleiche aller Einnahmen und Ausgaben des Steuerpflichtigen als auch sol­che, die nur auf den nicht­be­trieb­li­chen Bereich des Steuerpflichtigen abstel­len.

IV. Betriebsvergleich

Zu unter­schei­den sind der inne­re und der äuße­re Betriebsvergleich. Bei dem inne­ren Betriebsvergleich über­prüft und ver­gleicht die Finanzverwaltung den Rohgewinnaufschlagssatz und den Rohgewinnsatz des kon­kre­ten Unternehmens über meh­re­re Prüfungsjahre. Bei dem äußer­ten Betriebsvergleich ver­gleicht die Finanzverwaltung Kennzahlen des zu prü­fen­den Unternehmens mit denen ande­rer Unternehmen glei­cher oder ver­gleich­ba­rer Branche. Die not­wen­di­gen Kennzahlen ent­nimmt die Finanzverwaltung ihren Richtsatzsammlungen.

Ist die Buchführung des Steuerpflichtigen for­mell ord­nungs­ge­mäß, darf eine Schätzung nicht bereits des­halb erfol­gen, weil Umsätze bzw. Gewinne des kon­kre­ten Steuerpflichtigen außer­halb der Richtsatzsammlung lie­gen. Insbesondere bei Aufschlags- und Rohgewinnsätzen, die unter den bran­chen­üb­li­chen lie­gen, muss die Finanzverwaltung Eigenheiten des kon­kre­ten Unternehmens beach­ten.

V. Zeitreihenvergleich

Bei dem Zeitreihenvergleich lei­tet die Finanzverwaltung aus Wareneinkauf und Umsatz des Steuerpflichtigen einen Rohgewinnaufschlagsatz für ein­zel­ne Wochen her. Ergeben sich grö­ße­re Schwankungen des Rohgewinnaufschlagsatzes wäh­rend ein­zel­ner Wochen, kann dies auf nicht ver­buch­te Einnahmen hin­wei­sen.

Die Rechtsprechung hat für den Zeitreihenvergleich durch die Finanzverwaltung stren­ge Maßstäbe auf­ge­stellt.

VI. Sog. „Benford-Gesetz“

Nach dem sog. „Benford-Gesetz“ kom­men ein­zel­ne Ziffern in Zahlen unter­schied­lich häu­fig vor, wobei — abzu­stel­len auf die ers­te Ziffer einer Zahl — die Ziffer „1“ am häu­figs­ten und die Ziffer „9“ am sel­tens­ten vor­kommt. Folgen in der Buchführung des Steuerpflichtigen die ver­wen­de­ten Ziffern in den gebuch­ten Beträgen nicht die­sem System und ist die Zahlenmenge groß genug, spricht dies für (teil­wei­se) erdich­te­te Einnahmen.

VII. Sog. „Chi-Quadrat-Test“

Sog. Chi-Quadrat-Test geht davon aus, dass in der letz­ten Ziffer einer Zahl vor dem Komma und in der ers­ten Ziffer einer Zahl nach dem Komma bei einer aus­rei­chend gro­ßen Zahlenmenge die Ziffern „0“ bis „9“ gleich häu­fig vor­kom­men.

Signifikante Abweichungen von die­sem System in der Buchführung des Steuerpflichtigen kön­nen auf erfun­de­ne Einnahmen hin­wei­sen.

 

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